Sommernachtstraum
Sie sitzen nebeinander auf dem Sofa, satt und glücklich. Unterhalten sich, sind sich nahe, noch. Kommen auf die Zukunft, die ihnen ständig ins Gesicht zu spucken scheint. Reden über Pläne, Fantasien und Denkverbote. Darüber, sein Kind im sozialen Brennpunkt großzuziehen und wie unvorstellbar dies der jeweils andere findet. Über Landhäuser, merkwürdige Essgewohnheiten und besondere Vorlieben, die man sonst auch akzeptiert hätte, die aber in eben diesem Moment alles zum Scheitern bringen zu scheinen. Sie finden sich sturköpfig, fühlen sich unverstanden, erhöhen jeden Sommernachtstraum zur unausweichlichen Barriere für eben diese Beziehung - wenn schon diese läppischen Fantasien nicht mehr möglich erscheinen, was ist denn dann noch drin?
Am Ende des Abends sitzen sich zwei Menschen gegenüber, zwischen ihnen ein halber Meter Abstand. Abgrund, der in beiden Schwindel erregt. Und erst lange Zeit später wirst er feststellen, dass die Lieblingslieder von ihr, die er damals ziemlich scheiße fand, eigentlich ganz schön sind.
Praktica LLC mit 200’er Kodak-Film. Am Küchentisch.
Hafenfest in Hamburg.
Diana F+ mit 100’er 35mm-Diafilm, crossentwickelt. In Berlin.
Ich hätte nicht vermutet, dass der Tag noch kommt, an dem ich kein abstraktes, sondern ein konkretes Bild erstellen würde, aus Formen und Farben und Rändern und Flächen, durch Pinselstrichen auf eine metergroße Leinwand gebracht. Habe mich dabei sehr von Pope Saint Victor inspirieren lassen, aber niemals abgemalt und im Bild die eigene Biografie versteckt. Plötzlich auf eine Art und Weise glücklich, wie Vierjährige glücklich sind, wenn sie ihre gemalten Strichmännchen der Mutter vorzeigen und fragen, ob sie das nicht toll gemacht haben.
Habe ich das nicht toll gemacht?
Die Mäuse für die Schlangen füttern
Warum fördern wir Kinder eigentlich schon im Kindergarten? Was hat es damit auf sich, dass Kinder bereits von ihrer Geburt an mit zwei Sprachen konfrontiert werden? Ist Yoga im Kindergarten wirklich sinnvoll und warum bringen wir den Kindern bei, sich zwischendurch zu entspannen? Wollen wir nur das Beste, dass die Kinder ihr Entwicklungspotenzial voll nutzen können, aus einer breiten Basis von eigenen Kompetenzen schöpfen können, um ein glückliches und selbsterfülltes Leben führen zu können? Oder erziehen wir, sprich: erziehe ich, Kinder dazu, in einer modernen Industrie bestmöglichst zu funktionieren, weil sie den Forderungen der Industrie nach Zweisprachigkeit genügen und nach einer anstrengenden 60 Stunden-Wochen auf Zuruf nach Feierabend beim Yoga entspannen können?
Macht das einen Unterschied? Im Bild vom Kind, in der Arbeit? Warum ein Kind lernt, sich die Schuhe zuzubinden: Um später nicht auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, oder damit es unter all den anderen Arbeitern nicht auffällt?
Das wahre Leben
Irgendwann kommt der Tag, an dem du deinen unbefristeten Vollzeitvertrag als Erzieher unterschreibst. Und hoffst, damit nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein.
Praktica LLC mit 200’er Kodak-Film. Rund um den Berliner Kanal.
Erster Mai am Görlitzer Bahnhof.
Mayday
Auf dem Bahnhof unterhalten sich am ersten Mai zwei junge Männer, beide offensichtlich in mehr als nur Feierabendstimmung. Der Eine erzählt dem anderen, dass wenn er auch nur eine Minute zu spät “einstechen würde”, ihm sein Chef gleich eine halbe Stunde vom Studenkonto abzieht. Im gleichen Atemzug fällt mir ein, dass eine Dozentin meiner Ausbildungsstätte neulich erwähnte, die Verwaltung meiner Schule würde noch komplett mit Stechuhren arbeiten, um die Arbeitszeiten zu kontrollieren.
Stechuhren, merkwürdige Chefetagen und veraltete Methoden. Wir sind so weit weg, eine Gesellschaft zu sein, in der sich alle auch nur ansatzweise wohlfühlen dürfen.
http://www.ted.com/…
Warum schauen wir Atheisten uns nicht die schönen Elemente der Religion an und lernen daraus? Lernen, Kunst einzusortieren, die Energie von Pilgerfahrten auf Reisen zu übertragen, Wissensvermittlung einer predigtartigen Wiederholung zu unterziehen? Alain de Botton stellt Fragen bei den TEDtalks.
Diana F+ mit 100’er 35mm-Diafilm, crossentwickelt. Am Kottbusser Tor, Berlin.
ze germans
Ich bin mit meinen Eltern in die USA gefahren um Urlaub zu machen. Sie wollen irgendeine touristische Hochburg besuchen, ich hatte keine Lust und wollte mir die Stadt angucken. Leider spielte das GPS verrückt und zeigt mir eine Insel mit italienischen Straßennamen an, da half auch kein Neustart. Da ich keinen Hausschlüssel hatte, beschloss ich, mich mit meiner flauschigen Bettdecke gegenüber der Ferienwohnung in den Park zu legen.
Als ich verschwitzt aufwachte wird gerade direkt neben mir eine Demonstration von der Polizei abgeführt. Ich habe zwar keine Hose an, schnappe mir aber mein iPad und laufe los, um nicht auch verhaftet zu werden. Meinen langen Mantel ziehe ich an und halte ihn sehr fest, damit niemand merkt, dass ich keine Zeit hatte mir eine Hose anzuziehen. Auf einem Hügel fragt mich ein Amerikaner ob ich nicht auch hungrig sei, ich bejahe und er führt mich in ein Restaurant, welches von deutschen Antifaschisten geführt wird. Ich gieße mir mein mitgebrachtes Weizenbier von Paulaner in ein Weizenglas ein, drehe mich um, schaue nach dem Essen, und plötzlich war das Weizenglas mit seinem Inhalt weg, vermutlich gestohlen. Ich laufe durch das Restaurant, niemand hat das Bier gesehen, ich fragte jeden, und im Lokal selbst wird nur Weizenbier in 10 Liter-Flaschen verkauft, auf die ich dann doch lieber dankend verzichte. Während meiner Suche stoße ich auf eine 2,10 große blond gelockige Barkeeperin, die hofft, dass ich nicht ein weiterer Sohn ihres Vaters bin. Sie hätte ihn schon lange nicht gesehen, aber die Gesichtszüge seien sehr ähnlich. Sie trinkt aus einem Glas, in dem viele Pepperonis mit Schnaps gemischt sind und reicht mir den Bodensatz. Ich setzte an und wache auf.
Eat this, Traumdeuter.
Dieses Lied macht mich völlig wahnsinnig.
James Blake - I never learnt to share (Vimeo-Direktwahnsinn)
hibbeln
Die Worte fließen in das Textfeld, während sich der Magen lieber umdreht. Er wühlt und wühlt und murmelt und nebenbei isst du Salat, obwohl Hunger nun wirklich nicht deine Gefühslage beschreibt. Unter dem Tisch hibbelt etwas, nein nicht etwas, du hibbelst, dein Bein, so sehr, wie in den Momenten am Abendbrottisch im Haus deiner Eltern, als das gesamte Besteck mitwackelte und du zurechtgewiesen wurdest. Aber es ist niemand da, der dich zurechtweisen würde. Dein Bein hibbelt, dein Salat dezimiert sich, und alles folgt der inneren Logik. Alles erscheint schlüssig, wie das Blühen der Krokusse im Frühjahr, so wie Gewalt beim Fussball, es gehört zusammen, ist eine unveränderliche Gesamtsituation. Du schreibst das letzte Wort fertig, ließt alle Sätze noch einmal durch, scrollst wie wild durch das Textfeld, aber das macht keinen Unterschied mehr. Du schickst den Text ab. Ergibst dich dem, was da kommen mag.
Und dann fängt das hibbelnde Warten erst richtig an.






