Lebensarchiv, offline
2006 ist das leere Jahr. In meinem Lebenslauf steht dort, ich hätte meinen Schulabschluss gemacht und ein freiwilliges Jahr angefangen, jedoch findet sich in meinem Fotoarchiv davon nichts. Ein Scan von dem entsprechenden Abschlusszeugnis liegt in meinem Dokumente-Ordner, eine Kopie des Vertrages für meine erste Arbeit sicher in einem der unzähligen Ordner in einem der zahlreichen Umzugskartons. Aber was habe ich da gemacht, wer waren meine Freunde, mit wem habe ich mich gestritten, welche Partys habe ich besucht und welche Entscheidungen getroffen? Nichts steht da, es ist sechs Jahre her, fast nichts gibt meine Erinnerung her, in weiteren sechs Jahren wird 2006 zwölf Jahre her sein und wiederum nichts deutet darauf hin, dass meine Erinnerung irgendwann wieder klarer wird.
Irgendwann wurden die erlebten Dinge so merkwürdig, dass ich Ende des letzten Jahres damit angefangen habe in ein Tagebuch zu schreiben. Nicht so wie pubertierende Vierzehnjährige und doch eigentlich gar nicht viel anders. Erlebnisse, Gefühle verschriftlichen und tollen Tagen einen Stern verpassen. Day One synchronisiert mein Leben zwischen meinem Laptop und mobilem Endgerät und bis jetzt macht es unglaublichen Spaß, den wegrinnenden Sand zwischen den Fingern zu greifen und festzuhalten.
Auch, wenn Erinnerung weiterhin nach denkwürdigen Ereignissen verlangt, auch, wenn 2006 vermutlich ein absolut langweiliges Jahr mit durchschnittlichen Herausforderungen war, zwischen Babyfotoalben und einem fragilen Digitalfotoarchiv ohne Backup möchte ich das, was ich heute erlebe wenigstens für morgen festhalten, an die nächsten zwölf Jahre ist dabei noch gar nicht zu denken. Deshalb schreibe ich dieses Jahr digitales Tagebuch und schaue später im Jahr mal, was sich noch so in all den Umzugs- und Schuhkartons verbirgt. Vielleicht ja eine Amazon-Rechnung von 2006.
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